Aufmerksamkeit ist knapp, aber jeder will sie

Veröffentlicht auf von Stephan Gemke

Irgendwie und irgendwann hat jeder von uns schon mal vom gesellschaftlichen Wandel zur Wissensgesellschaft gehört. In einer zunehmend wohlhabenden, technologiegetriebenen und informationsintensiven Gesellschaft wird Wissen somit zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Im Zuge dieses Wandels hört man viel von der Informationsökonomie, Netzwerkökonomie und Aufmerksamkeitsökonomie.

 

Die nächsten Abschnitte handeln dementsprechend über die Aufmerksamkeitsökonomie, wobei der Fokus diesmal nicht auf der Aufmerksamkeit, als knappe Ressource liegt, sondern auf dem unerschöpflichen Streben nach Aufmerksamkeit.

 

Wenn man seine materiellen bzw. existenziellen Bedürfnisse gedeckt hat, dann strebt der Mensch nach gewissen immateriellen Werten, wie Anerkennung und Beachtung –Aufmerksamkeit eben. Wenn der Zugang zu Informationen immer leichter, schneller und kostengünstiger geschieht, dann weckt das die Motivation, sich in einem positiven Licht darzustellen und jeden davon zu informieren. Menschen, die nach Aufmerksamkeit in all ihren Facetten streben müssen folglich mehr dafür tun, als noch vor einigen Jahren.

 

Laut Michael Goldhaber streben wohlhabende Menschen nach Beachtung und Anerkennung, da ihre existenziellen Bedürfnisse ausreichend und langfristig gesichert sind. Sie drängen vermehrt und auf unterschiedliche Art und Weise in die öffentliche Wahrnehmung. Vielmehr und intensiver als es die Menschen früher taten. Damals galten Verschwiegenheit und Bescheidenheit als Tugend, heute aber gibt es ein wachsendes Bedürfnis in den industriellen Ländern nach Teilnahme, Zugehörigkeit, Beachtung, Anerkennung und Status.

Wie Goldhaber feststellte, spielt das Internet für dieses unerschöpfliche Bestreben der Menschen eine entscheidende Rolle, da es diverse Möglichkeiten zur Gewinnung von Aufmerksamkeit und persönliche Selbstdarstellung fördert.

 

Beispiel: Social Communities, öffentliche Fotoalben, Fotocommunities, Videoportale, private Webseiten und Blogs, Bewertungsportale, E-Mail und weitere Telekommunikationsformen.

 

Sie helfen dabei, Anliegen und Meinungen zu kommunizieren und einzuholen, sich auszutauschen, mitzumachen und sich selbst darzustellen.

 

Worüber man früher noch den Mantel des Schweigens gelegt hätte, werden heutzutage Tabus gebrochen, non-mainstream-Gedanken publiziert und teils peinliche, teils schreckliche Geschehnisse und Taten toleriert und nachgeahmt.

 

Es dreht sich alle nur um Beachtung: Beachtung zu finden und Bedeutung zu gelangen!

 

Dazu verwendete Mittel können Glorifizierung, Kulturisierung, Personalisierung, Inszenierung, Boulevardisierung, aber auch Partizipation und Gestaltungswille sein.

 

Was den Strukturen der Aufmerksamkeitsökonomie und damit den Gesetzen der Aufmerksamkeitswertigkeit zu Grunde liegt, ist die Tatsache, dass das Streben nach Anerkennung, Beachtung und Bedeutung unerschöpflich ist und sich die Aufmerksamkeitswertigkeit und das Interesse an einer Person oder einer Sache nur durch die Wechselwirkung von „behalten durch erhöhen“ erhalten werden kann.

 

Das heißt, dass immer mehr Tabus gebrochen werden müssen oder man sich immer engagieren muss, um nicht in der Menge an Skandalen bzw. in der Menge der engagierten Menschen unterzugehen.

Sich irgendwie im Gespräch zu halten oder andere von Nutzen zu sein ist dabei sehr wichtig, damit man Aufmerksamkeit auf sich lenkt.

Schließlich besitzt derjenige die Macht über einen, der die Aufmerksamkeit schenkt. Nicht der Star hat seine Fans im Griff, sondern eigentlich der Fan den Star.

Sobald jeder „aufmerksamkeitsgeile“ Mensch aus dem Kreislauf von „behalten durch erhöhen“ herausfällt, bietet er dem aufmerksamkeitsspendenden Menschen keinen Grund mehr, seine Aufmerksamkeit auf ihn zu richten.

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Veröffentlicht in Analyse: Internet-Ökonomie

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